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16. Juli 2004,  06:53, Neue Zürcher Zeitung

Willkommen in Arabien!

Damaskus - ein unsichtbares Gespinst von Beziehungen

Im Rahmen des Literaturforums «Midad» lancieren die Goethe-Institute dieses Jahr ein Austauschprojekt, bei dem je sechs junge Literaturschaffende aus Deutschland und der arabischen Welt einen mehrwöchigen Aufenthalt im jeweils anderen Kulturraum verbringen können. Die Kölner Autorin Ulla Lenze hielt Eindrücke aus Damaskus fest.

Möchten Sie nach Damaskus? Damaskus, ein vertrautes Wort; etwas aus der Kindheit weht mich an, aus Bibelschullektüre, alt und bequem geheimnisvoll, und doch, ich gebe es zu, weiss ich sonst nichts. Eine erste Google-inspirierte Verwandlung des Geheimnisses in etwas Diesseitiges setzt mich ins Einvernehmen mit der wachsenden Besorgnis meiner Familie. Doch halte ich ihnen die Beteuerungen aus Damaskus entgegen: Kein arabisches Land sei so sicher wie Syrien, der Staat sorge für Ordnung.

Die Frage nach der Sicherheit beschäftigt mich bis zum Schluss und darüber hinaus. Ich bin mit meiner Ankunft in Damaskus in eine Atmosphäre geraten, in der ich mich so sicher fühle wie nirgends bisher, weil sie dichter zu sein scheint, vernetzter und homogener als zu Hause: Tun sich zwischen den Kölner Passanten, nicht bloss, weil es weniger sind, kleine Vakuums auf, Sinnlöcher und Kommunikationsrisse, scheinen die Fäden zwischen den Syrern fast sichtbar, nicht nur im fein abgestimmten Strassenverkehr, wo Autos und Fussgänger subtil miteinander kommunizieren, sondern auch im Sagbaren. Die Gespräche scheinen absehbar und zuverlässig, ich finde mich einem eingespielten Team gegenüber. In den ersten Tagen sitze ich noch mit eingezogenem Kopf dazwischen und wage in Gesprächen, wie das schüchterne Kind unter Erwachsenen, nur kleinlaute Nettigkeiten, da mir nur zwei der riskanten Themen bekannt sind, nämlich die grössten: Israel und der Präsident.

Was ungesagt bleibt

Doch weil das langweilig wird, versuche ich allmählich die Grenzen zu erweitern. Der ältere Herr mit Panamahut reicht mir die Hand und stützt mich, als ich vom letzten Stein im Gebirgsbach auf die andere Seite des Ufers springe. Die fünf anderen sind schon längst drüben; sie machen das alle zwei Wochen, durchlaufen in billigen Turnschuhen unebene Schluchten, um der Hitze und Luftverschmutzung in Damaskus zu entgehen; vielleicht auch, eine meiner vielen Mutmassungen, um einmal unbeobachtet sein zu können. Für ein paar Augenblicke unterbrechen wir unser Geplauder über Hegel und Nietzsche. Die Gruppe ist schon weit voraus, kleine bunte Striche zwischen hellgrauen Felsen. Ich spreche nun die Probleme an, die Hegel hinterlassen habe, nehme gar das Wort Totalitarismus in den Mund und rede von der intellektuellen Notwendigkeit, ein geschlossenes System zu sprengen. Er wird schon verstehen. Oder nicht? Ich frage, weil er schweigt, warum Nietzsche hier so beliebt sei. «Er ist so poetisch», sagt er knapp und macht eine höfliche Geste, die mir den Vortritt lässt.

Ich will noch nicht aufgeben (oder bilde ich mir alles nur ein?), also schwärme ich, ohne heucheln zu müssen, von der Hilfsbereitschaft der Menschen hier, ihrer Freundlichkeit. «Sie strahlen so viel Lebensfreude aus!» Ich drehe mich um und sehe ihm in die Augen; soll er das Nichtgesagte in meinen lesen. Er lächelt, bleibt stehen, wischt sich mit einem Tuch über die Stirn und zeigt in den strahlend blauen Himmel: «Das liegt am Wetter. Der Himmel ist immer offen. Wussten Sie, dass in Finnland die meisten Selbstmorde stattfinden?»

«Und die Fürsorge!», beharre ich. «Man achtet hier so sehr auf den anderen.» - «Ja», sagt er nachdenklich. «Wir sind reich an sozialen Kontakten, denn kaum einer kann sich eine Versicherung leisten.»

Das Gespräch versiegt. Wir holen die anderen ein, die im Schatten einer Felsenhöhle mit Wasser und Gebäck auf uns warten. Meine waghalsige These, man spiele hier im Kleinen nach, was die Grossen einem auferlegen, habe ich natürlich nicht mehr angebracht. Fürsorge, Aufmerksamkeit, Solidarität: vielleicht Massnahmen eines Gegenlebens, einer selbst gestalteten Existenz jenseits des mächtigen Staates.

Meine Thesen kommen und gehen. Inzwischen wurde ich aufgeklärt, dass die Hilfsbereitschaft aus der Beduinenzeit stammt, ein Gesetz der Wüste. (Später bietet mir ein deutscher Experte eine weitere Deutung an: Man nimmt den Fremden bei sich auf, um ihn so besser kontrollieren zu können.) Ich freue mich an den «Welcome»- bzw. «Ahlan-wa-sahlan»-Rufen, wenn ich jemanden nach dem Weg frage. Ich empfinde für einige Tage, dass das von Herzen kommt und mit dem deutschen, auf Servicegesellschaft getrimmten «Schönen Tag noch» nichts zu tun habe. Dann, spätestens in Palmyra, geht es mir auch wieder auf die Nerven. Palmyra ist, neben seinen berühmten Ruinenstätten, ein gesichtsloses Nest, in dem es abends plötzlich keine Frauen mehr gibt. Da ich seit einigen Tagen meinen Mann an der Seite habe, verschwinde ich wieder in seiner Rippe, aus der ich bekanntlich stamme; nur er wird hier gegrüsst, und er nimmt die Grüsse ehrwürdig nickend entgegen.

Fremd unter Frauen

Die Frau ist drinnen, der Mann ist draussen. Wenn die Frau aus dem Haus muss, nimmt sie das Haus eben mit: ein schwarzes Zelt.

Aber die Routinen greifen nicht mehr. Zwar gibt es Zeichen, bei denen man mit Selbstverständlichkeit davon ausgeht, sie richtig zu entschlüsseln. Aber wie deute ich die vielen mit - da hilft kein Euphemismus - Reizwäsche dekorierten Geschäfte im Damaszener Basar, wo von Kopf bis Fuss verschleierte Frauen emsig ein und aus gehen? Oder liegt in der Verschleierung gerade da, wo andere rot werden, eine Logik? Vielleicht ist Unterwäsche nur Stoff. Erst wenn er mit Leben gefüllt ist, wird's problematisch. Vielleicht ist es meine Phantasie, die problematisch ist, die sich unter jenem Konstrukt aus nietenbeschlagenem Hundehalsband, das sich in Büstenhalter- und Tanga-Umrissen verzweigt, den Körper nicht wegdenken kann.

Als ich eines Abends inmitten von dreissig Frauen in ein Kreuzfeuer gerate, verstricke ich mich noch mehr in das Dickicht syrischer und westlicher Dekodierungsaporien. Ein monatliches Frauentreffen, das sich offiziell so nicht nennen darf. Es legitimiert sich durch ein Kreditsystem: Jede gibt eintausend Lira (etwa sechzehn Euro) in einen Topf, der an die jeweils Bedürftigste von ihnen geht. Ich bin hier, weil ich zuhören will, meine Bekannte wird für mich übersetzen. Aber unversehens befinde ich mich in der Rolle des Ehrengastes. Die Augen sind auf mich gerichtet:

«Ich habe in einer Statistik gelesen, dass keine Frau so viel geschlagen wird wie die deutsche Frau. Warum ist das so?» - «Ich weiss es nicht», sage ich; auch, dass mir diese Information neu sei. «Vielleicht», bietet eine andere als Lösung an, «weil sie so emanzipiert ist und dem Mann das nicht gefällt?» - «Es sind vermutlich nicht die emanzipierten Frauen, die geschlagen werden», gebe ich zu bedenken. «Auch hier wird geschlagen», versucht es eine andere, «aber man redet nicht darüber.»

Einträchtiges Nicken, das Thema ist damit abgehakt. Eine der Frauen beginnt ein Lied, die anderen schnippen mit den Fingern und wiegen, die Hüften fest in weissen Plasticstühlen, ihre Oberkörper im Rhythmus. Dann taucht eine neue Frage auf: «Was denken Sie darüber, dass man in Deutschland mit achtzehn von zu Hause auszieht?»

Ich meine zu wissen, worauf die Frage abzielt. Man hat hier in Spiegelung zu unserem Stereotyp - der Araber als Herdentier mit Hang zum Terrorismus - vom Westler das Bild des vereinsamten Individuums. Einsam als Folge eines egoistischen Selbstverwirklichungstriebs, der Tradition und Herkunft in den Wind schlägt. Ich denke an die Familienzusammenkünfte auf den Balkonen rings um meine Damaszener Wohnung; das heitere Geplauder, das bis spät durch die Ritzen meiner Fensterläden zieht, ich denke an meine emanzipierte Begleiterin, die in jeder Mittagspause zu ihrer Mutter fährt. Ich möchte ihnen Recht geben, während ich mich verdächtige, es aus Sentimentalität zu tun. Ich bleibe Zuschauer, werde nie wissen, wie es wirklich ist, das Leben hier.

So ähnlich fällt auch meine Antwort aus - und meine Übersetzerin hat anscheinend etwas so Gutes daraus gemacht, dass die Frauen mich nun zufrieden anlächeln. Dann eine letzte Frage: Ob ich vielleicht ein deutsches Lied singen kann?

Da muss ich leider passen.

Ulla Lenze, geboren 1973, studierte Musik und Philosophie in Köln. Sie lebte insgesamt anderthalb Jahre in Indien. Ihr Débutroman «Schwester und Bruder» wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderen beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann- Wettbewerb mit dem Ernst-Willner-Preis 2003.

 
 
 

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